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„Hände weg von der MuKo“ – Brief des Präsidenten an OB Burkhard Jung
Berlin, den 17.01.2012
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Jung,
Sie haben wirklich kein leichtes Amt, alle fordern etwas von Ihnen und dabei werden die zur Verfügung stehenden Mittel immer knapper. Trotz aller Mütter-, Kinder-, Bildungs- und sonstigen Prioritäten bitte ich Sie die Sparschere nicht bei der Heiteren Muse anzusetzen. Aus dem Bericht der Firma Actori ist zu entnehmen, dass die Tätigkeit der Musikalischen Komödie niedriger zu bewerten ist als die anderer Institutionen. Abgesehen von der Leistungssteigerung des Hauses in Lindenau, muss man immer im Auge behalten, dass die MuKo eines der zwei letzten deutschsprachigen Operettenhäuser ist. Ich schreibe Ihnen diesen Brief als Präsident des ältesten deutschen Autoren-Verbandes, weil die Chance deutscher Autoren und Komponisten von den privaten Musical-Konzernen gespielt zu werden, gleich Null ist. Schließen die beiden letzten Operettentheater in Leipzig und Dresden (wo periodisch ähnliche Sparmaßnahmen geplant werden), dann ist eine lange deutschsprachige Traditionslinie endgültig beerdigt und es werden nur noch Importe aus USA und England gespielt. Dafür darf das Publikum dann für die Karten das Mehrfache bezahlen als im „Volkstheater“, wie die MuKo im Transparent ihrer getreuen Besucher sehr richtig bezeichnet wurde. Es ist ein typisch deutscher Unfug, Unterhaltungsmusik und Unterhaltungstheater grundsätzlich als kulturell minderwertig abzustufen, das hat auch einen dozierenden Beiklang, wenn Kulturmittel verwaltende Institutionen davon ausgehen „wenn ihr das unbedingt wollt, dann müsst ihr voll bezahlen“ . Bei der GEMA ist es umgekehrt, da finanzieren die Komponisten der U-Musik große Teile der E-Musik.
Aus dem zuletzt Gesagten geht hervor, dass ich diesen Brief nicht nur als ehrenamtlicher Vertreter meiner Kollegen sondern auch als direkt betroffener Komponist schreibe.
Fast sämtliche Bühnenwerke von mir wurden an der MuKo mit großem Erfolg gespielt, darunter zwei Uraufführungen, von denen ich eine selbst dirigierte. „Mein Freund Bunbury“ wurde schon zum dritten Mal inszeniert. Die Premiere war 2001, und 2011, also nach zehn Jahren, war das Stück immer noch im Repertoire. Besucher sind nicht nur meine lieben Leipziger, sondern aus vielen Teilen Deutschlands bekomme ich Post von Besuchern, die extra nach Leipzig gereist sind, um die Aufführung zu sehen. Ausschnitte aus diesem Musical waren auch im Programm, mit dem die MuKo am 10. Juli 2011 auf dem berühmten Open Air am Berliner Gendarmenmarkt gastierte und dort einen als zu Recht sensationell zu bezeichnenden Erfolg hatte.
Ich bitte Sie herzlich diese Aspekte in Ihre Überlegungen mit einzubeziehen. Vielleicht können Sie bei Ihrer Entscheidung einen „Rettungsschirm“ für die Musikalische Komödie aufspannen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Gerd Natschinski
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