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An die Deutschen Dichter im Ausland
(Aus einer Gedächtnisrede für Ernst Toller) von Günther Weisenborn
…eine ganze tapfere Phalanx von Dichtern war es, die unaufhörlich unser Volk warnte vor dem Krieg, dem Militarismus, vor dem Faschismus. Sie setzten ihren Ruf, ihre Existenz, ihre Freiheit aufs Spiel. Aber unser Volk hörte nicht auf seine Dichter, Es hörte auf die gestiefelten Scharlatane, denn diese besaßen Blechmusik, und unser Volk war die Begriffe des militanten Kapitalismus gewohnt, während die Dichter und Redner der neuen Zeit ihm sehr neuartige Begriffe beizubringen versuchten. Welche begabte Schar, welche mitreißenden Männer: diese Dichter! Und welches Elend wartete auf sie, auf Hasenclever, Stefan Zweig, Kurt Tucholsky, Ernst Weiß, die alle wie Ernst Toller in der Verbannung, von ihrer Heimat verflucht und ausgebürgert, Selbstmord begingen.
Es ist eine furchtbare Liste, die nur allmählich bekannt wird, die Totenliste der deutschen Literatur in der Emigration.
Im Exil starben: Bruno Frank, Siegmund Freund, Stefan George, Hellmuth von Gerlach, Alfons Goldschmitt, Franz Haessel, Werner Hegemann, Arthur Holitscher, Irmgard Keun, Robert Musik, Max-Hermann Neiße, Rudolf Olden, Josef Roth, Arthur Ernst Rutra, René Schickele, Else Lasker-Schüler, Jakob Wassermann, Franz Werfel, Alfred Wolfenstein, Paul Zech.
Und hier im Land starben eines furchtbaren Todes: Egon Friedell, Ernst Blaß, Reinhard Goering, Erich Knauf, Adam Kuckhoff, Erich Mühsam, von Ossietzky.
Welche Verwüstung von Genie, Kraft, Reinheit, die herrlichen Prosaisten, die ergreifenden Lyriker, die glänzenden Dramatiker: unsere Nation, die Goethe ständig im Mund führt, verlachte, verstieß sie, tötete sie in barbarischer Vergeudung. Hier liegt das schrecklichste Sensenfeld des deutschen Geistes. Sie würden alle zu uns sprechen, uns leiten, uns die Wege weisen, sie sind tot, und kaum ein anderes Volk der Erde wird solche Verluste in seiner Literatur haben.
Jetzt ist es an uns, da die Klügeren, Erfahreneren, die Älteren dahingegangen sind, das Erbe der verwaisten Stühle der Literatur anzutreten. Wir schauen uns in all dem Jammer um und suchen die Beispiele in dieser beispiellosen Zeit. Wir, die nachrückende Generation, die jetzt in Amt und Aufgabe hineinzuwachsen hat. Wir sind gehärtet im Krieg, geklärt nach mancher Wirrnis, und von Toten umgeben, die uns ständig zur Seite gehen und mit uns die unsichtbaren Dialoge der späten Erkenntnis führen.
Wir sprechen hier mit aller Bitterkeit, mit der ganzen Schärfe des Vorwurfs, mit aller im Feuer geglühten Härte und stellen vor der Nation das gewaltige Unrecht fest, das sie all ihren gejagten, gefangenen und hingerichteten Dichtern gegenüber begangen hat.
Was wollten denn Männer wie Hesse, Werfel, Döblin, Brecht, Fritz von Unruh, Heinrich Mann, Arnold Zweig, Thomas Mann, Zuckmayer, Kurt Hoff?
Was war die Absicht dieser erlesenen Schar, dieser Elite des Geistes, die in die Welt verschlagen ward, gebrandmarkt vom Volk der Dichter und Denker?
Ihr Ziel war, das Volk der Deutschen zu einer Nation zu erziehen, die mit offenen Händen, bedeutend und friedvoll in der Kameradschaft der Völker steht als eine Weltnation, deren Stimme gilt im Orchester der Kontinente. Es gibt eine Welt draußen, Deutsche, es gibt nicht nur ein Deutschland, jenen winzigen Fleck auf dem Globus, auf dem so viel Schuld und Blut ruht. Und es ist nie alles gut gewesen, was deutsch ist. Es gab immer neben Goethe und Mozart die deutschen Schufte und die deutschen Blutsauger. Es gab immer die Herzöge; die ihre Landeskinder peinigten und als Soldaten verkauften. Es gab zu allen Zeiten bei uns einen Hugenberg, einen Papen und das fade Gelichter der Ausbeutung, des martialisch verbrämten Profits. Es gab auch zu allen Zeiten die Trompetenliteratur, die Schellenbäume der Prosa, die zackigen Leutnantstaillen und feschen Degen der KdF-Helden auf der Szene und die allseits beliebte Langschäfterlyrik.
Es gibt zwei Literaturen in Deutschland. Auf der einen Seite stehen die Rufer der internationalen Humanität, des freien Geistes, der wahrhaften Menschlichkeit, sie kämpfen um deine Seele, deutsches Volk.
Auf der anderen Seite steht die schwertrasselnde Kohorte des Ernst Jünger, Dwinger, Rehberg, Lützkendorf, Bloem, Rudolf Herzog, Hohst, Schauwecker, Beumelburg, die Chauvinisten und Kriegsstifter. Wir alle haben ihnen lange genug lauschen müssen, diesen Stahlhelmadorantzen, diesen Erzhysterikern, die eine barbarische Vermannung betrieben und die so lange den herrischen Nordmann in blonder Tollheit, den rassig knappen Soldaten, das sonnengebräunte Antlitz, edel vom Stahlhelm beschattet, euch als Bild ins Herz setzten, bis die deutschen Massen diesem Idealbild nacheiferten und zu Millionen von Bomben und Mord zerschmettert wurden. Es krampft sich uns das Herz im Leibe zusammen, wenn wir an die Millionen anständiger Menschen denken, die heute in den Massengräbern Europas ruhen, wenn wir an die geopferten Frauen denken, an die Kinder, die Greise, an Krankheiten, Elend, Hunger, Ruinen, an den vollständigen Zusammenbruch eines großen Volkes, das sich selber in den Abgrund gestürzt hat.
Hat es niemand gegeben, der das Ende dieses Weges vorausgesehen hat? Hat es niemand gegeben, der geschrien, gewarnt, beschworen, gefleht hat?
Es waren die Dichter, die gewarnt haben. Das stelle ich vor der Geschichte fest. Und wir sollten aus diesem gewaltigen Beispiel die eine, die notwendige, die entscheidende Erfahrung ziehen: Hört auf die Stimmen der Dichter. Wir sind so reich an ihnen. Wir sind und bleiben, und das sag' ich voller Freude, das Volk, das einen Hölty, einen Goethe, einen Büchner, einen Heine, einen Hölderlin, einen Rilke geboren hat. Unser Volk ist reich, wenn es sich auf sie besinnt und auf die Dichter der Gegenwart! Diese lebten zersprengt und fatal verschlagen in allen Ländern, aber es ist die Stunde gekommen, in der wir sie zurückrufen müssen, damit sie uns mit ihrer Welterfahrung helfen, den rechten Weg zu finden. Wir entsinnen uns ihrer und ihres Schicksals stets voller Dankbarkeit.
Und ich glaube im Namen aller verantwortlich Denkenden zu sprechen, wenn ich meine Stimme erhebe, um sie zu rufen.
Hier im Ruinenmeer Berlins, lebend in Kälte und Elend, rufen wir feierlich die Schriftsteller unserer Nation!
WIR BITTEN UM IHRE RÜCKKEHR AUS ALLEN LÄNDERN DER WELT: Stefan Andres, Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Hermann Broch, Ferdinand Bruckner, Friedrich Burschell, Albert Ehrenstein, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Maria Gleit, Oskar Maria Graf, Paris Gütersloh, Heinrich Hauser, Wieland Herzfelde, Hermann Hesse, Richard Huelsenbeck,Alfred Kerr, Kurt Kläber, Joe Lederer, Rudolf Leonhard, Harald Landry, Ludwig Marcuse, Thomas Mann, Heinrich Mann, Walter Mering, Paul Meyer, Joachim Maas, Hermynia zur Mühlen, Alfred Neumann, Robert Neumann, Balder Olden, Heinz Pol, Hans Jose Rehfisch, Erich Maria Remarque, Anna Seghers, Albrecht Schaeffer, Maximilian Scheer, Herbert Schlüter, Wilhelm Speyer, Fritz von Unruh, Bodo Use, Berthold Viertel, Ernst Waldinger, Otto Zoff, Arnold Zweig und alle anderen, deren Namen uns noch nicht erreicht haben.
Es ist das andere Deutschland, das ruft.
Wir, die wir gegen Hitler gekämpft haben, schicken unsere Stimme über Grenzen und Meere und rufen sie, damit sie uns helfen in der schwersten Stunde dieses Volkes, zu dem wir im Elend uns bekennen.
Wir haben uns vor 1933, wir haben uns nach 1933 im Kampf dagegen befunden, und wir befinden uns heute im Kampf dagegen. Unsere Dichter, unsere in aller Welt verstreuten großen Kameraden, werden uns zur Seite stehen. Es geht nicht an, dass eine Nation im Elend von ihren Dichtern getrennt ist, von ihren großen Schriftstellern, ihren bedeutenden Denkern. Und auch sie werden nicht auf die Dauer abseits ihrer Nation leben wollen, die sich gegenwärtig in einem tiefgreifenden Läuterungsprozess, in einer gewaltigen Selbstreinigung befindet.
Einst wird kommen der Tag, an dem unser deutsches Volk in die Gemeinschaft der Völker aufgenommen wird, beruhigt, friedevoll und nach dem furchtbarsten seiner Jahrhunderte gereift, ein Volk der Menschlichkeit in der Welt. Es muss möglich sein, dass die Menschen dieser Erde menschlich denken und handeln, es muss möglich sein, dass die Menschlichkeit in unser armes und geliebtes Vaterland einzieht.
(Diese Gedenkrede ist in einer ersten Ausgabe von "Der Autor" als kleines Heft im April 1947 erschienen. Günther Weisenborn benutzte den Anlass, um seine weit ausgreifenden und beeindruckenden Gedanken in den Aufruf an die deutschen Dichter im Exil münden zu lassen. Die Ernst Toller gewidmeten Passagen wurden übersprungen, um diesem Zeitdokument einen angemessenen Rahmen zu verschaffen. Es ist beabsichtigt, Ernst Toller und andere Schriftsteller später gesondert zu würdigen.)
G.N.
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