Der Marathon Mann

Am 20. Juni 07 versprachen wir in "Neues" diesen Beitrag auf unserer Website zu veröffentlichen. Angesichts der Bedeutung des Themas "kultur macht europa" war dies der einzige heitere Beitrag auf dem Kongress und fand große Resonanz. Auf diejenigen unserer Leser, die schon einen Antrag auf Projektfördermittel bei der EU gestellt haben, wird diese Glosse sicher auch erheiternd wirken, diejenigen die eine solche Aktion planen, werden nach der Lektüre besser wissen was sie erwartet. Udo Gößwald als Direktor eines Museums hat als Projekt logischerweise eine Ausstellung gewählt und die Phasen dieses Vorhabens mit dem Berlin-Marathon verglichen. Und nun kommt er wirklich:

Der Marathon Mann

Von Udo Gößwald

Die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Teilnahme an einem EU-geförderten Programm ist eine Portion Größenwahn und der unbedingte Wille, das Ziel erreichen zu wollen. Aber welches Ziel? Ist es das Fördergeld? Ist es der Ruhm? Ist es der Wunsch, sich durch internationale Kontakte neue Horizonte zu erschließen? Betrachten Sie das Ganze als persönliche Herausforderung? Wollen Sie Karriere machen? Neue Dinge hinzulernen? Wir kommen darauf später noch einmal zu sprechen. Der gesamte Weg, den Sie zurücklegen müssen, ist am ehesten mit einem Marathonlauf zu vergleichen und dafür brauchen Sie eine ziemlich lange Vorbereitungsphase.

Das Trainingsprogramm: Sie laufen jeden Sonntag an der Krummen Lanke, erst eine halbe Stunde, dann eine, dann zwei, später laufen Sie genau 10 Kilometer. Ihre Kondition wächst. Sie schließen sich einer Laufgruppe an. Nach einer gewissen Zeit laufen Sie schon zweimal die Woche, dann nehmen Sie am Halbmarathon teil. Und schließlich haben Sie das ganz große Ziel: der Marathonlauf in Berlin.

Zunächst beginnen Sie internationale berufliche Kontakte aufzubauen. Dazu dienen am besten Kongresse. Dort lernen Sie Leute kennen. Sie probieren in Gesprächen Ihre Konzeptidee aus. "Our project is very important and very interesting." Sie beginnen, persönliche Kontakte zu Personen zu pflegen, die Ihnen für eine mögliche Partnerschaft wichtig sind. Denken Sie zum Beispiel an Schröder und Putin, oder Mitterand und Kohl. Ohne die persönliche Ebene haben Sie schlechte Karten. Bedenken Sie schon jetzt, dass ihre potentiellen Partner in Institutionen und Zwänge eingebunden sind. Versuchen Sie, diese Zwänge schon im Vorfeld zu analysieren und zu berücksichtigen. Wichtig ist unter Umständen, auf Partner zurückzugreifen, mit denen Sie schon Mal kooperiert haben. Solche also, mit denen Sie schon einige Trainingseinheiten zurückgelegt haben. Bedenken Sie auch hier die Stärken und Schwächen, die Ihnen während des Trainings aufgefallen sind. Bringen Sie sich in Form.

Die Ausrüstung: Für einen Marathonlauf brauchen Sie die richtige Ausrüstung. Schuhe, Laufhose, Trainingsjacke. Sie müssen sich auf Herz und Nieren prüfen, ob Sie sich wirklich für solch eine Herausforderung fit fühlen. Stimmt ihr persönliches Umfeld oder gehen Sie nur mit schlechtem Gewissen gegenüber Ihrem Partner zum Training? Macht Ihnen das Ganze überhaupt Spaß? Im Training merken Sie, ob Ihr Hunger nach einer Herausforderung zunimmt, ob Sie es lieber beim Joggen belassen sollten oder Ihnen der Halbmarathon als Ziel ausreicht.

Bevor Sie einen Projektantrag stellen, ist es wichtig, sich ein genaues Bild Ihrer eigenen Institution zu machen. Welche Potentiale sind hier gegeben? Haben die potentiell Mitwirkenden die notwendige Ausbildung? Sprachkenntnisse, Projekterfahrung, Managementqualitäten, ausreichende wissenschaftliche Qualifikation und genügend Erfahrung und Kenntnisse für die Geschäftsführung und Finanzabwicklung. Sie müssen sich Gedanken darüber machen, ob Sie wirklich der Leitwolf sein wollen oder lieber nur die zweite Geige spielen. Aber wer ist dann der Dirigent? Rechnen Sie auf jeden Fall damit, dass Sie in Ihrem beruflichen Umfeld viele Leute finden werden, die auf ihre Kondition und ihren Ausdauerwillen neidisch sind. Das ist im Kern Bewunderung natürlich, da das aber nur die wenigsten aussprechen können, lauern viele auf Ihr Scheitern, um dann sagen zu können: Na ja, der hat sich wohl ein bisschen übernommen.

Die Anmeldung: auch für diesen Tag müssen Sie sich sehr gut vorbereiten. Natürlich ist Ihnen in letzter Minute ein Schnürband gerissen und Sie brauchen dringend Ersatz. Wichtig ist, ob Sie austrainiert sind. Ob Sie das richtige Gewicht auf die Waage bringen, nicht zu leicht und nicht zu schwer. Haben Sie den richtigen Proviant im Gepäck, stimmt die körpereigene Chemie? Geben Ihnen Ihre Mitläufer und Trainingskameraden genügend moralische Unterstützung und sind sie bereit, für Sie in letzter Minute noch einen Spezialdrink zu holen? Dann, nach nervenaufreibender Prozedur haben Sie endlich die Startnummer.

In jedem Fall muss Ihr Konzept absolut rund und überzeugend sein. Sie müssen mit Ihrem Projekt genau in den Projektrahmen passen und alle Aspekte, die im Antragstext gefordert sind, erfüllen. Bedauerlicherweise kommt die Ausschreibung immer sehr spät und Sie haben in der Regel kaum mehr als 3 Monate Zeit, um alles klar zu machen. Entscheidend ist hier wieder das Training. Sie können dann Leistungen und Kontakte abrufen, die Sie schon in der Schublade haben. Die Frist zwischen Ausschreibung und Einreichung Ihres Antrages entspricht dem erfolgreichen Absolvieren eines Halbmarathons. Wenn Sie den schaffen, haben Sie in jedem Fall etwas geleistet und etwas fürs Leben gelernt. Wenn Sie die Förderung bekommen, haben Sie nicht mehr und nicht weniger erhalten, als die Startnummer für den großen Marathon, die Chance also, durch klugen Einsatz aller Mittel ans Ziel zu gelangen.

Der Start: Sie stehen mit mehreren tausend Läufern am Start. Ihr Trainingskumpan steht neben Ihnen. Sie sind euphorisch, spüren die Anspannung und blicken voller Hoffnung auf den Engel an der Siegessäule, der Ihnen zuwinkt.

Wenn Sie die Förderung durch die EU bekommen, befinden Sie sich natürlich auf Wolke Sieben. Ihr Herz klopft voller Stolz und Euphorie. Die erste Konferenz findet in Berlin statt. Natürlich sind viele wichtige Leute dabei, Botschafter aus den Partnerländern, Generaldirektoren und renommierte Wissenschaftler. Ihr Gestalter präsentiert seinen ersten Ausstellungsentwurf. Er ist fünf Mal so groß, wie Sie sich überhaupt mit den Mitteln leisten können. Aber Sie sind voller Hoffnung, dass Sie zusätzlich noch Geld bekommen von Lotto, von einer portugiesischen Weinfirma oder der Bundeskulturstiftung. Sie sind sicher, dass Sie weitere Sponsoren finden, und alle Ihre Partner träumen mit Ihnen und ermutigen Sie noch höher und weiter zu fliegen.

Km 7: Sie fühlen sich o. k., alles ist im Lot, aber Sie spüren langsam, worauf Sie sich hier eingelassen haben. Der Asphalt ist hart, härter als im Grunewald. Die Zuschauermassen am Start haben Sie hinter sich gelassen. In Kreuzberg stehen nur noch kleinere Gruppen, die Ihnen ermutigend vom gemütlichen Café aus zuwinken und ihren latte machiato fröhlich weitertrinken. Hier entsteht schon langsam die erste Blase am Fuß, die Sie später noch nerven wird.

An diesem Punkt sortieren Sie Ihre Ressourcen, überarbeiten die Aktionspläne und passen die Finanzpläne den Möglichkeiten an. Einer Ihrer Partner möchte mehr von dem Kuchen, als das was Sie für ihn eingeplant hatten. Es beginnen die ersten Grabenkämpfe. Ein sehr anstrengendes Meeting in Kopenhagen. Trotzdem sind Sie frohen Mutes, dass Sie das alles hinkriegen werden. Schwierigkeiten sind ja normal. Es empfiehlt sich hier, die Dinge sehr genau zu analysieren und alle Irritationen möglichst durch klare Regelungen aus dem Weg zu räumen. Doch in der Realität schaffen Sie das an diesem Punkt nicht, da Sie noch keinen Begriff davon haben, was wirklich auf Sie zukommt.

Km 15: Sie fühlen sich glänzend. Alles läuft wie im Training. Um sich herum bemerken Sie kaum noch jemanden, weder Zuschauer, noch Mitläufer. Die sind auch alle woanders, manche vor, manche hinter Ihnen. Macht nichts, Ihre Endorphine tragen Sie mühelos weiter und weiter.

Sie absolvieren die zweite Konferenz in Lissabon, treffen zwei Dutzend wichtige Leute, die Sie später nie wiedersehen werden. Mit Blick auf den Tejo in Lissabon sitzen Sie am frühen Abend bei lauem Wind auf einer Bank und freuen sich des Lebens. Sie haben das Gefühl, dass Sie von Ihre Kolleginnen und Kollegen bewundert werden. Sie können aus Ihren Reserven schöpfen und alle Fähigkeiten ausspielen: "Muy bien, estaba un dia muy fortunato y nosotros somos todo una familia". Es dämmert Ihnen aber gleichzeitig, dass Sie sich in dem einen oder anderen Kollegen getäuscht haben. Sie lauschen zwar noch gierig seinen Versprechungen, aber beginnen langsam zu realisieren, dass es am Ende doch ganz auf Sie allein ankommt.

Km 21: Sie haben die halbe Distanz geschafft. Große Befriedigung. Zugleich befinden Sie sich aber in einem Teil der Stadt, den Sie gar nicht gut kennen. Sie fühlen sich merkwürdig. Die Dinge werden etwas unüberschaubar. Ihr Oberschenkel schmerzt. Am liebsten würden Sie jetzt aufhören.

Präsentation einer sogenannten Teaserausstellung in Lissabon. Wieder viele wichtige Leute. Sie verstehen, dass ihr Projekt in eine Kulisse hineingepflanzt wird, in der sich andere sonnen. Sie arbeiten zum ersten Mal konkret mit einer Partnereinrichtung zusammen und merken, dass die Uhren dort komplett anders laufen. Nichts läuft wie Sie es sich dachten. Erst in letzter Minute wird alles fertig und es hat geklappt, dank hervorragender Mitarbeiter. Hier empfiehlt es sich, eine Person Ihres Vertrauens in die Partnereinrichtung als Unterstützung vor Ort zu schicken.

Km 25: Die letzten 4 km sind nur mit einer gewaltigen Kraftanstrengung zu schaffen. Immer wieder befällt Sie eine riesige Müdigkeit. Die Körperchemie spielt verrückt. Sie wissen nicht, ob Sie trinken, essen oder sich übergeben wollen. Es wird langsam unerträglich. Viele überholen Sie jetzt und Sie sind frustriert.

3. Konferenz und Ausstellungseröffnung in Wien. Die Ausstellung Ihres Partners ist interessant, aber nicht umwerfend. Auf dem Kongress stellen Sie zum x-ten Mal das Konzept vor. Um Sie herum viele patente Wissenschaftler, die das Thema noch mal von links und rechts und oben und unten betrachten. Eigentlich bringt das alles nichts. Ihre Kollegen kennen Sie ja auch schon. Sie merken, dass Sie sich zuviel zugemutet haben. Ohne Sie wäre die Konferenz auch gelaufen. Die österreichische Schwermut legt sich auf Ihr Gemüt und die Müdigkeit verstärkt sich. Erster massiver Tiefpunkt.

Km 28: Sie haben ihre Frustration mühsam überwunden und freuen sich auf das nächste Etappenziel. Bei Km 32 wird noch mal die Zwischenzeit bekannt gegeben und Sie hoffen, ganz gut im Rennen zu liegen. Jemand sagt Ihnen, dass Ihr Trainingspartner aufgegeben hat.

Es läuft nach einer kleinen Erholungsphase wieder ganz gut. Jetzt liegt die Last auf den Schultern der anderen, da in Göteborg die Erstpräsentation der gemeinsamen Ausstellung sein soll. Das entlastet Sie. Die Vorfreude auf diesen Termin gibt Ihnen Kraft. Real ist es sehr anstrengend. Die Texte für den Katalog müssen umgeschrieben werden, da die Autoren keine besonders guten Ergebnisse abliefern. Doch die Fotos sind gut geworden. Ihr Ausstellungsleiter schmeißt in dieser Phase die Klamotten hin, weil er an der Schule einen sicheren Job bekommen hat. Jetzt heißt es durchhalten, denn Sie stellen bald fest, dass ihn keiner ersetzen kann und dass Sie seine Arbeit mit übernehmen müssen.

Km 32: Ihre Zwischenzeit ist nicht so gut wie Sie dachten. Sie sind enttäuscht, wollen aber weitermachen. Sie haben das nächste Ziel vor Augen. Bei Kilometer 38, am Wilden Eber, da steppt der Bär. Doch diese Etappe wird endlos lang.

Ausstellungseröffnung und Konferenz in Göteborg: Die Stimmung ist frostig, nordisch unterkühlt, obwohl es Sommer ist. Die Präsentation ist eher bescheiden. Keine offiziellen Vertreter aus Kultur und Politik, keine Presse, kaum öffentliche Resonanz. Alle Illusionen bezüglich einer Zusatzfinanzierung platzen. Antrag beim Hauptstadtkulturfonds scheitert. Abstimmungsprobleme im eigenen Haus. Der zweite massive Tiefpunkt. Nach erfolgreichem Zwischenbericht und dem Erhalt der zweiten Rate aus Brüssel wieder ein Hoffnungsschimmer. Sie nehmen erste Verhandlungen mit dem Gropiusbau für Ihre Präsentation auf. Der Anfang ist vielversprechend. Dann gibt es noch viele Hindernisse. Die folgenden 12 Monate sind die anstrengendsten des gesamten Projekts.

Km 38: Der Wilde Eber. Salsa-Musik. Trommeln. Eine Riesenmenge, die Ihnen zujubelt. Begeisterung pur. Sie tanzen auf der Straße im Rhythmus der Musik. Jetzt haben Sie's geschafft, denken Sie. Große Freude. Doch nach wenigen hundert Metern geht Ihnen die Luft aus und Sie müssen sich kurz ausruhen. Ein freundlicher Mitläufer massiert Ihnen die Beine. Die Blase am linken Fuß schmerzt wieder unerträglich.

Große Eröffnung der Ausstellung "Born in Europe - New Identities" im Martin-Gropius-Bau. Viele sehr engagierte Mitarbeiter und Freunde haben Sie unterstützt. Die Freude ist groß und die Resonanz ist sehr positiv. Nach dem Ende der Ausstellung: die Melancholie des Erreichten. Die Kraft ist weg. Eine Erholungsphase wird notwendig. Brüssel hat unseren letzten Bericht geprüft und verlangt formale Nachbesserungen. Das wühlt alte Wunden wieder auf. Man würde zu gerne jetzt schon am Ziel sein.

Km 41: Man trabt langsam vor sich hin mit starken Stimmungsschwankungen und Rückenschmerzen. Plötzlich ist man am Kudamm in Richtung Ziellinie. Kudamm / Ecke Joachim-Friedrichstraße steht Ihre Freundin, winkt und spornt Sie an. Sie lächeln, bemüht um eine gute Haltung. Jetzt bloß nicht aufgeben. Sind ja nur noch 1,2 km.

Weiterbildungsveranstaltung in der Berliner Verwaltungsakademie: Die Teilnehmer sitzen bequem vor Ihnen und winken Ihnen freundlich zu. Frau Bornemann vom deutschen CCP applaudiert. Letzte Woche haben Sie für Brüssel die Liste der Rechnungen komplett überarbeitet und ergänzt. Morgen werden die Partner um weitere Ergänzungen gebeten. Dann wird alles in Brüssel eingereicht und weitere Prüfungen und Nachfragen stehen mit Sicherheit an, bevor die letzte Rate überwiesen wird. Die Ziellinie erscheint mal ganz nah, mal in weiter Ferne.

Km 42,2: Ziel erreicht. Meine Zeit? Vier Stunden, 30 Minuten, 10 Sekunden. Nein, Verzeihung: Vier Jahre, sechs Monate, zwei Tage, von den ersten konkreten Projektskizzen und Kontakten bis zur letzten Abrechnung. Was war noch gleich das Ziel? Ich weiß es gar nicht mehr genau. Aber der Engel auf der Siegessäule weiß Bescheid: Der Sieg ist nicht das Ziel, sondern der Weg. 42,2 km sind aber eine verdammt lange Strecke.

Anderthalb Jahre später. Die Wunden sind verheilt. Ich bin kein Marathonläufer geworden. Beim letzten Halbmarathon habe ich mich nur mühsam ins Ziel geschleppt. Richtig gut bin ich auf den kleineren 5 bis 10 km Strecken geworden. Die schaffe ich jetzt locker und souverän, auch mit tollem Schlussspurt. Genüsslich lasse ich so manchen Jogger an mir vorbeiziehen und denke mir, ja der hat's nötig. Vor zwei Monaten: aus 200 Projekten wird "Born in Europe" ausgewählt, um sich auf der EU-Konferenz für Intercultural Dialogue in Brüssel vorzustellen. Jetzt verhandeln wir mit dem Musée d'Europe in Brussel über eine neue, vielleicht erweiterte Präsentation: Born in Europe reloaded. " On va voir…. Merci beaucoup ".

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Udo Gößwald
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