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Retrospektive 6 „Der Autor“
Wilfried Steinbrenner
In der heutigen Retrospektive gedenken wir des viel zu früh verstorbenen Komponisten Wilfried Steinbrenner. Aus den Dramatiker Union Mitteilungen (Vorläufer von „Der Autor“) Nr. 2/1977 entnehmen wir einen Nachdruck der Zeitschrift „MELOS“ Heft 3/1975, in dem Rückblick auf sein kurzes Leben gehalten wird.
„Der Komponist Wilfried Steinbrenner starb am 9. April 1975 im Alter von nur 32 Jahren in einer Klinik in Homburg/Saar an Blutkrebs. Am 26. März 1943 in Mosbach an der Weinstraße geboren, erhielt er seine Ausbildung bei Wolfgang Fortner an der Freiburger Musikhochschule. Nach einigen Jahren als Musiklehrer an der Odenwaldschule und als Redakteur und Lektor im Musikverlag Schott zog er sich in die Stille einer alten Mühle im Pfälzer Wald zurück, um sich ganz der Verwirklichung seiner kompositorischen Ideen zu widmen. Wilfried Steinbrenner gehörte zu den hoffnungsvollsten jungen Autoren der deutschen Musikszene und die erfolgreiche Uraufführung seines Lyrischen Paradoxons „Kristall“ für Sopran und Instrumentalisten in der Münchener Musica Viva mit Joan Caroll und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Herbert Albert hat die auf ihn gesetzten Erwartungen bestätigt. Unter seinen Kompositionen befinden sich drei „Imagos“ („Träume“ nannte er sie): für 64 Streichinstrumente und Solovioline / für Instrumente und Stimme / und ein drittes für großes Orchester, das er nicht mehr vollenden konnte. Zusammen mit Wolfgang Fortner schrieb er für John Cranko „Carmen-Collagen“, die 1971 vom Stuttgarter Ballett uraufgeführt wurden. In einem Team junger Komponisten um Hans Werner Henze war er Mitautor der Werkkantate „Mannesmann“. Für seine Préludes für Orchester (1968 – 1970) wurde er mit dem Förderpreis der Stadt Stuttgart ausgezeichnet. Sein Werdegang als Komponist vollzog sich im Stillen; abgewandt von allen Trends der Zeit strebte er nach einer Synthese von Tradition mit seinen sehr persönlichen Vorstellungen eines „abstrakten“ Avantgardismus.“
Im gleichen Heft der DU-Mitteilungen schrieb sein Lehrer Wolfgang Fortner:
„Wilfried Steinbrenner hat während seiner kurzen Lebenszeit nicht nur einige bedeutende Jugendwerke hervorgebracht und hinterlassen, sondern kraft seiner außerordentlich reichen Menschlichkeit vermochte er einem großen Kreis von Freunden künstlerischer Helfer zu sein. Seine vorübergehende Stellung als Lektor im Schott-Verlag in Mainz brachte ihn mit vielen Komponisten zusammen, deren Partituren er bis zum endgültigen Druck betreute.
Als er als ein Frühvollendeter vor 2 Jahren an einer unheilbaren Krankheit starb, faßte noch bei der Beerdigung in Rastatt/Baden ein Schwiegervater, der rheinische Industrielle Friedrich Karl Laibach, den Entschluß, eine namhafte Summe zur Unterstützung junger Komponisten zu stiften. Ganz in Steinbrenners Sinn, dessen Selbstlosigkeit stets beeindruckend war, stand der Gedanke hinter dem Stiftungsplan: was dem jungen Schwiegersohn nicht vergönnt war zu schaffen, sollte anderen durch die Stiftung ermöglicht werden, leichter zu leisten.
Die Stiftung soll aber auch zum Gedächtnis eines Hochbegabten dienen, der seinem Schaffen zu früh entrissen wurde. Diejenigen, die Steinbrenner zu seinen Lebzeiten kannten, werden ihn sowohl als Komponist wie als Mensch wohl stets im Gedächtnis behalten. Durch die Stiftung aber werden junge Komponisten späterer Generationen mit ihm bekannt werden und sein Lebensweg, so kurz er zeitlich war, sollte beispielhaft für sie sein.“
Wolfgang Fortner
Diese Stiftung wurde mit Hilfe der federführenden Dramatiker Union errichtet und ist noch heute tätig. Vorsitzender des Kuratoriums ist unser Ehrenmitglied Prof. Aribert Reimann.
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